auf die plätze...


gestern Abend hat mich ein alter Freund während einem interessanten Gespräch, bei dem wir unsere Gedanken auf Reisen schickten, auf einen ganz spannenden und interessanten Punkt aufmerksam gemacht: 
 
"Hattet ihr eigentlich früher eine Sitzordnung beim Esstisch zu Hause? Und wer saß wo?" 
 
Ich musste kurz überlegen, ich habe einen Großteil meiner Kindheit bei Oma und Opa  verbracht, und auch mittags dort gegessen. Sie hatten einen runden Tisch in der Küche, der aber fast in der Ecke an der Wand stand. Opa saß immer mit dem Rücken zur Wand, sodass er die ganze Küche im Blick hatte, und Oma saß gegenüber, direkt am Herd und nahe beim Kühlschrank, sodass sie auch direkt aufstehen und was vom Herd oder aus dem Kühlschrank holen konnte, wenn Opa etwas forderte, was er gerne mal öfters tat. Wir Kinder saßen dann an eher seitlich. Bei den Eltern zu Hause war es dann ein bisschen anders, dort wurde im Ess/Wohnzimmer gegessen, da saß die Mama mit dem Rücken zur Wand, hatte alles im Blick, der Papa gegenüber an der Tür und wir Kinder unten und oben am Kopf. Wenn etwas auf dem Tisch fehlte, waren es wir Kinder die zur Küche liefen. 
 
"War das ein Muss oder eine feste Regel wo jeder auf seinem Platz sitzen musste?" 
 
Eigentlich nicht wirklich, obwohl die Mama immer mal behauptet hat, das ist mein Platz, hier sitze ich und das war schon immer so, aber wirklich strenge Regeln gab es nicht.
 
"Hättest du gerne mal woanders gesessen?"
  
Au ja, ich hätte schon gerne mal dort gesessen, wo man den ganzen Raum im Blick hat, und sozusagen am Kopfende der „König“ ist.
 
Aber es war eine liebe Gewohnheit, dass man sich ohne Überlegung automatisch da Platz genommen hat, wo man immer sitzt. Und witzigerweise ist es heute noch so. 
Ich gebe zu, ich bestehe auch gerne mal hin und wieder dass ich lieber an der Tür zur Küche sitzen will, da der Weg kürzer ist, wenn ich mal was holen muss.
 
Und in dem Moment wo ich dann über dieses Thema weiter nachgedacht habe, hab ich mich auch gefragt wie das im Büro bei Meetings so ist, und habe ein wenig recherchiert. Weil in dem Augenblick wurde mir klar, dass auch bei diesen Momenten jeder so automatisch seinen Platz einnimmt, und meistens den Gleichen den er jeden Morgen auswählt. 
 
Interessant ist, dass man bisher dachte, dass der Stammplatz, also jener Ort, den wir im Meeting immer wieder gerne einnehmen, vor allem eine Art Territorium markiere, das sich jemand mit wachsender Betriebszugehörigkeit erkämpft und nun besetzt hält. 
 
Falsch! 
 
Inzwischen kann man nachlesen: Der Sitzplatz am Konferenztisch markiert vielmehr unseren Rang und die Rolle, die wir in der Gruppe einnehmen (wollen). 
 
Kopfende 
Hier pflegen die Chefs Platz zu nehmen, insbesondere, wenn Sie dabei die Wand im Rücken und die Tür im Blick haben. Notorische Zuspätkommer werden so sofort entlarvt, heimliche Davonschleicher aber auch.
 
Rechte Seite
Nur im Sprichwort sitzt zur Rechten des Chefs automatisch seine rechte Hand. Eher nimmt dort ein eifriger Zustimmer und Schleimer Platz. Hier sucht er dann vor allem die Nähe zum Herrscher, um von dessen Aura und Gunst zu profitieren. Die Gruppe oder das Thema sind für ihn zweitrangig.
 
Linke Flanke
Auch hier sucht jemand die Nähe zum Chef und drückt damit Verbundenheit aus. Die linke Seite deutet aber auf jemanden hin, der unabhängig bleiben und seine eigene Sicht behalten will. Zugleich dokumentiert diese Person ihren Machtanspruch, denn ihre Position ist die nächste zum Kopfende. Oft sitzt hier der Kronprinz.
 
Das Mittelfeld
Dieser Platz ist perfekt für alle, die mit den Kollegen Blickkontakt halten, aber auch gesehen werden wollen. Entsprechend sitzen hier häufig Extrovertierte, aber auch Moderatoren, die zwischen beiden Tischseiten vermitteln. 
 
Aber auch die Wahl des Sitzplatzes am Konferenztisch scheint wie so vieles eine Art Routine zu sein. 
 
Routinen erleichtern uns das Leben.
Der Mensch hat ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ritualen. Ob es der Frühjahrsputz ist oder auch die Art, Familienfeste zu feiern: Rituale bringen Stabilität und Ordnung ins Chaos des Lebens.
 
Viele alltägliche Handlungen wiederholen wir meist in einem ganz bestimmten Setting: an einem speziellen Ort, zu einer gewohnten Zeit, in gewissen Stimmungslagen oder mit auserwählten Menschen.
 
Gewohnheiten sagen aber etwas über einen Menschen aus, zeigen etwas von seiner Eigenart, auch von seinen Überzeugungen und Einstellungen zu den Dingen der Welt. Oftmals entwickeln Menschen vor allem dann Gewohnheiten, die ihnen Stress und Angst machen oder die ihnen besonders wichtig sind. Es ist daher aufschlussreich, andere auch einmal danach zu fragen, warum sie bestimmte Dinge so oder so machen.
 
Sind Gewohnheiten also etwas Gutes oder Schlechtes? Zunächst einmal bringt es nicht weiter, sich mit anderen zu vergleichen und ihr Verhalten zu bewerten. Wer sich sehr viel mit den Eigenarten und Gewohnheiten von anderen befasst und vergleicht, der hat vermutlich selbst Schwierigkeiten mit sich und seiner Art zu leben. 
 
Am ehesten lernt man die Gewohnheiten von jemand anderem kennen, wenn man mit ihm unter einem Dach zusammen lebt. Da bekommt man dann hautnah mit, wie sich der andere verhält, wenn er von der Schule oder der Arbeit kommt, was er noch vor dem zu Bett gehen macht und wie er morgens aufsteht. Daran kann man sich reiben, vor allem dann, wenn der- oder diejenige andere Gewohnheiten hat als man selbst. 
Das ist der Stoff für den Zoff im Urlaub, in Wohngemeinschaften oder von Partnern, die zusammen leben. Es braucht dann eine Bereitschaft und eine innere Weite, den anderen vorbehaltlos mit seinen Gewohnheiten anzunehmen und nicht zu bewerten. 
 
Doch Gewohnheiten haben auch eine Kehrseite. Ohne dass wir es bemerken, schränken sie unsere Wahrnehmung ein. Sie machen unflexibel und starr. 
Wenn uns ein Weg sehr vertraut ist, beispielsweise der zur Arbeit, gehen wir ihn jahrelang, ohne überhaupt noch wahrzunehmen, was rechts und links von uns geschieht. Und das ganz ohne uns zu fragen, ob es inzwischen vielleicht einen besseren Weg zur Arbeit gibt. 
 
Schade ist nur wenn die Macht der Gewohnheit alles bestimmt und man sich auf andere Vorgehensweisen nicht mehr einlassen kann.
 
Ich werde mir jetzt mal zur Gewohnheit machen, mich jeden Abend auf einen anderen Platz am Esstisch zu setzen!

copyright: Michèle Schons - © heartbreathing 2021